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Blick ins Archiv

Talheim feiert 2016
Zur Datierung mittelalterlicher Urkunden


Jahreszahlen – wie wir sie heute kennen – suchen wir auf mittelalterlichen Urkunden vergeblich. In der Regel wurde das Ausstellungsjahr mit den Regierungsjahren des jeweiligen Herrschers angegeben. So benennt die älteste Talheimer Urkunde, in der ein Herr namens Rotwin an das Kloster Lorsch umfangreichen Besitz aus der „Daleheimer marca“ übereignete das Jahr: „anno XV Pippini regis“, also das „15. Jahr der Herrschaft Pippins“. Pippin, der Jüngere bestieg im November des Jahres 751 als erster Karolinger den fränkischen Königsthron. Das 15. Jahr seiner Herrschaft begann also im November 765.

             Talheim im Lorscher Codex

In der Datumszeile findet sich auch die Angabe des Tages in folgendem Wortlaut: „die VIII. kl. ianuarii“, was übersetzt bedeutet „am 8. Tag vor den Kalenden des Januars“. Die Kalenden bezeichnen den Monatsanfang. Rechnet man von diesem acht Tage zurück, wobei nach der Inklusivzählung der 1. Januar miteinzubeziehen ist, kommt man auf den 25. Dezember 765. Damit müsste eigentlich alles geklärt sein.
Warum gibt es nun aber diese Verwirrung um 765 oder 766? Die Talheimer Urkunde findet sich im umfangreichen Überlieferungsbestand des Lorscher Codex, einem Kopialbuch des 12. Jahrhunderts aus dem berühmten karolingischen Reichskloster. Damals hatten sich die Lorscher Mönche daran gemacht, den in tausenden von Schenkungsurkunden im Klosterarchiv dokumentierten Besitz fortlaufend in Bänden niederzuschreiben. Während die originalen Urkunden im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen, ist der Codex bis heute als wertvolle mittelalterliche Schrift im Staatsarchiv Würzburg verwahrt und stellt für viele Gemeinden und Städte den frühesten Nachweis dar. 1936 edierte der Historiker Karl Glöckner den Codex mit seinen über 3.800 Eintragungen in einem dreibändigen Werk. Die Urkunde der ältesten Talheimer Erwähnung (Nr. 3244) datiert er hier auf 766. Warum? Glöckner stieß bei den Urkunden aus der Pippinschen Zeit auf eine Überlieferungslücke von etwa 10 Monaten, nämlich im 17. und letzten Regierungsjahr, in dem König Pippin am 24. September 768 verstarb. Dass in dieser Schenkungshochphase über Monate keinerlei Schenkungen an Lorsch stattgefunden haben sollen, ist als sehr unwahrscheinlich anzusehen. Glöckner ging deshalb davon aus, dass die Kopisten des Klosters Lorsch lediglich 16 Regierungsjahre Pippins von 752 ab zählten. So wird aus dem 25. Dezember 765 der 25. Dezember 766.
Sowohl Dr. Thomas Kohl vom Institut für Mittelalterliche Geschichte der Universität Tübingen als auch der St. Gallener Stiftsarchivar Dr. Peter Erhart empfehlen in der Interpretation der Talheimer Urkunde Glöckner zu folgen. „Weil der Wochentag nicht erwähnt wird, ist es auf rechnerischem Wege nicht möglich, die Datierung zu bestimmen“, erläutert Stiftsarchivar Erhart. 766 ist jedoch das wahrscheinlichste Jahr. Der Talheimer Ortsvorsteher Gottlob Heller freut sich über die Expertenempfehlungen: „So bleibt für die Jubiläumsvorbereitungen mehr Zeit.“