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Gemeinderatsprotokoll von 1817

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Vor 200 Jahren Vulkanausbruch in Indonesien -
Globale Auswirkungen bis ins Steinlachtal


Der Ausbruch des Tambora ist die größte in geschichtlicher Zeit beobachtete Vulkaneruption überhaupt. 10.000 Menschen kamen unmittelbar in Indonesien durch Lava, Asche und Flutwellen ums Leben. Im Umkreis von 1.300 Kilometer verdunkelte sich der Himmel zwei Tage fast vollständig. Als die Ascheteilchen in die Atmosphäre wanderten, kam es in den Folgejahren in Europa und Nordamerika zu Missernten und Hungersnöten. Deshalb ging 1816 als das „Jahr ohne Sommer“ oder „Achtzehnhundertunderfroren“ in die Geschichte ein. Zeitgenossen beschrieben: „Im Mai war es kalt wie sonst im Februar. Die Brunnen sind zugefroren, dass man kein Wasser holen konnte. Im Juni setzte dann ein Regen ein, der nicht enden wollte. Auf den Feldern verfaulte das Korn. Im Juli vernichtete ein Hagel alles, was gewachsen war. Mäuseplagen traten auf.“ Zwei Drittel des Viehs ging ein oder musste wegen Futtermangels notgeschlachtet werden. Eine Erklärung für diese Wetterphänomene hatten die Menschen damals nicht. Erst der amerikanische Klimaforscher Humphreys stellte im Jahre 1920 den Zusammenhang mit dem Tambora-Ausbruch her.

1000 Gulden stellte der Gemeinderat 1817 für die Armenversorgung zur Verfügung.

Die klimatischen Auswirkungen des Vulkanausbruchs 1815 zeigten sich zwei Jahre später noch im Steinlachtal, denn aufgrund von Lebensmittelmangel wurden bei den örtlichen Bäckern immer kleinere Brote gebacken. So beschwerten sich die Mössinger Bürger im Juli 1817 beim Gemeinderat, „dass das von den hiesigen Bäckern [verkaufte Brot] - sowohl weißes als auch schwarzes -, nie malen das gehörige Gewicht“ habe. Der Gemeinderat entschied deshalb, dass das zu leichte Brot zu beschlagnahmen sei und an die Armen ausgeteilt werden solle. Sollten die Bäcker ihr Brot schon verkauft haben, drohte ihnen eine Geldstrafe. Die Not im Ort war dramatisch. So ist im Gemeinderatsprotokoll vom 16. Juli 1817 zu lesen, „daß wegen des Mangels an Lebensmitteln zu befürchten [sei], daß mehrere der hiesigen Einwohner den Hungertod finden könnten […]" Deshalb beschloss der Gemeinderat, 1.000 Gulden aufzunehmen und für die Armenversorgung zur Verfügung stellen. Die Summe war beachtlich, stellte sie in dieser Zeit das 40fache Jahresgehalt eines Großknechts dar.
Um der Not zu entkommen, wählten viele  Bewohner des Steinlachtals den Weg der Auswanderung. Allein 1817 und folgende Jahre verließen 14 Mössinger und sechs Talheimer Familien ihre Heimat in Richtung Russland. Der Tambora-Ausbruch war jedoch nicht alleiniger Auslöser der Notlage und Auswanderungswelle, er verschärfte die Lage aber nochmals dramatisch. Schon die Jahre zuvor waren schlechte Ernten eingebracht worden und Menschen hatten ihre Heimat verlassen. Und auch danach wanderten noch viele aus. Mössingen und Talheim weisen zwischen 1804 und 1842 traurige Rekordzahlen auf: in dieser Zeit kehrten 30 Talheimer und 78 Mössinger Familien der Heimat den Rücken.

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