Mössinger Bergrutsch

...ein nationales Geotop und Naturschutzgebiet

Am 12. April 1983 ereignete sich am Hirschkopf bei Mössingen, einer bewaldeten Hangkante am steilen Nordrand der Schwäbischen Alb, der größte Bergrutsch Baden-Württembergs.

Innerhalb weniger Stunden gerieten vier Millionen Kubikmeter Erde und Geröll mit einem Gesamtgewicht von über acht Millionen Tonnen in Bewegung und hinterließen eine Urlandschaft. Dieser Bergrutsch, verursacht durch Tage langen intensiven Regen, gilt bis heute als Jahrhundertereignis.

Zugleich ist er für die gegenwärtigen Generationen ein imposantes Lehrbeispiel für die beständige Rückverlagerung der Schwäbischen Alb. Hier zeigt
die Natur quasi im Zeitraffer, wie die normalerwese extrem langsame Erosion des Albtraufs, der vor Millionen Jahren noch in der Stuttgarter Gegend verlief, vonstatten geht. Durchschnittlich weicht die Schwäbische Alb 1,6 mm pro Jahr zurück. Am Hirschkopf bei Mössingen waren es jedoch an der tiefsten Stelle 32 Meter in wenigen Stunden.
Wir sind hier somit am Albtrauf bei Mössingen der Zeit statistisch gesehen um 20.000 Jahre voraus.

Genauso spannend ist die Möglichkeit, nachzuvollziehen, wie eine scheinbar total zerstörte Landschaft von der Tier- und Pflanzenwelt wiederbesiedelt wird und sich zu einem bedeutenden Naturschutzgebiet entwickelt. Nach fast 40 Jahren ist dieser Prozess mittlerweie weit fortgeschritten. Das Bergrutsch-Gelände ist aber auch heute noch nicht ganz zum Stillstand gekommen.

Ein Großteil des rund 80 Hektar großen Rutschgeländes, das auch Teil des GeoParks Schwäbische Alb ist, kann eigenständig auf einer kleinen Wanderung oder aber im Rahmen einer Tour mit Bergrutschführer Armin Dieter besichtigt werden. Dieter hat das Rutschereignis wie kein anderervon Beginn an detailliert beobachtet und dokumentiert. Er kann so die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte anhand vieler Bilder und eigener Erlebnis eindrücklich präsent machen.

Bergrutschführung mit Armin Dieter

1988 wurden 39,4 Hektar zum Naturschutzgebiet erklärt, um ungestört und ohne Einfluss des Menschen die Wiederbesiedelung der Tier- und Pflanzenwelt beobachten zu können.

Am 12. Mai 2006 erhielt der Mössinger Bergrutsch von der Akademie der Geowissenschaften e. V. unter Beteiligung der UNESCO als einer der „bedeutendsten Geotope Deutschlands“ das Prädikat „Nationaler Geotop" verliehen.

Ein einmaliges Ereignis? Nein, der Mössinger Bergrutsch ist zwar der größte und eindrücklichste des Landes, aber am sogenannten "Albtrauf", der steilen Nordseite der Schwäbischen Alb kommt es geologisch bedingt immer wieder zu Rutschungen.

So auch im Juni 2013, als sich aufgrund Starkregens im Teilort Talheim gleich an mehreren Stellen Rutschungen ereigneten. Die Folgen der Rutschungen am Buchberg (bzw. Buberg), etwas westlich des Bodenseewasser-Stollengebäudes und am Südwesthang des Farrenbergs sind noch heute gut als offene Flächen im Wald erkennbar.

In Öschingen musste aufgrund eines massiven Hangrutsches am Dachslochberg die Landhaussiedlung vorübergehend geräumt und das Gebiet mit erheblichem Aufwand gesichert werden. Eine große Geländenarbe ist geblieben, durch die mittlerweile wieder Wege führen und so die geologische Urgewalt deutlich machen.

Vor gar nicht so langer Zeit...
am Dienstagmorgen, 12. April 1983.


Ein nebliger, regnerischer Morgen, wie an zahlreichen Tagen davor. Nebelschwaden und dicke, regenschwere Wolken hängen ins Tal und lassen die Steilhänge am Rande der Schwäbischen Alb verschwinden, so als würde es diese gar nicht geben. Nieselregen löst die starken Niederschläge der letzten Tage und Wochen ab. Es herrscht gespenstische Ruhe am Hirschkopf.

Plötzlich rumort es leise im Boden, ein leichtes Zittern ist vernehmbar, und dann gerät der ganze Berghang in Bewegung. Die anfängliche Stille geht in ein lautes Krachen und Knacken über, Bäume zersplittern oder rutschen senkrecht stehend zu Tal. Gesteinsbrocken stürzen von der Hochfläche und bersten beim Aufschlag mit einem ohrenbetäubenden Lärm auseinander. Der ganze Berg rutscht und sackt scheinbar in sich zusammen. Eine Naturkatastrophe unvergleichlichen Ausmaßes deutet sich an.

So, oder ganz ähnlich, hat sich der größte Bergrutsch Baden-Württembergs, ausgelöst durch tagelange starke Regenfälle, abgespielt. Keiner weiß es aber genau - denn es gibt keine unmittelbaren Ohren- oder Augenzeugen. Die Nebelbank behinderte die Sicht auf den Hang und dämpfte die Geräuschkulisse, so dass von der Ferne nichts mitzubekommen war.

Klar ist nur, als der zuständige Revierförster morgens um 9.00 Uhr noch die übliche Forstinspektionsfahrt auf den Waldwegen am Hirschkopf bei Mössingen, einem bewaldeten Steilhang am Rande der Schwäbischen Alb, unternahm, ahnte er nichts von dem Naturereignis, das wenig später eintreten sollte.

Erst um die Mittagszeit gehen bei den Behörden erste Meldungen ein, dass sich am Hirschkopf etwas ereignet. Ein erstes, vorsichtiges Betreten hinterlässt gespenstische Eindrücke. Nebelschwaden nehmen immer noch weitestgehend die Sicht. Doch das Erstaunen ist groß: Der Weg, den noch am Morgen der Revierförster befuhr, streicht mitten aus der Luft aus und endet vor einem zwanzig Meter tiefen Abgrund.
Schemenhaft ist durch die aufsteigenden Nebelfelder talseitig eine unwirtliche Landschaft zu erkennen. Wo einst ein dichter Wald vorherrschte, zeigt sich jetzt eine riesige, vegetationslose Steinwüste ("Kieswüste") mit meterhohen Geröllhügeln und im Anschluss Tausende von Bäumen, kreuz und quer ineinander verkeilt. Und der einst bewaldete, begehbare Albtrauf verwandelte sich in eine nackte Steilwand mit riesigen Schollenabbrüchen. Insgesamt ein befremdender und eindrucksvoller Anblick verheerender Naturgewalten.

Rutschgelände unterhalb des Hirschkopfes (Foto Armin Dieter)

So mancher Mössinger traute tags darauf seinen Augen nicht, als sich der Hirschkopf im vollen Sonnenschein präsentierte und eine riesige helle Fläche statt eines grünen Waldes zum Vorschein kam. Erst jetzt lässt sich das ganze Ausmaß einigermaßen abschätzen, macht der Albtrauf bei Mössingen über Nacht Schlagzeilen und flimmert via Fernsehen bundesweit in die Wohnstuben.
Innerhalb von vier Wochen fielen im Frühjahr 1983 über 200 mm Regen, fast ein Drittel des Jahresniederschlags. Die versickerten Wassermassen passierten schnell die zerklüfteten, wohlgeschichteten Jurakalke (Weißjura) und den Kalkschutt am Hangfuß auf der Hangleiste. Sie stauten sich dann aber an den darunter befindlichen Tonschichten (Impressamergel und Ornatenton), brachten diese zum Aufquellen und schließlich zum Rutschen: Zunächst geriet die Hangleiste und der darunter liegende Bereich großflächig in Bewegung. Dem einst bewaldeten Albtrauf (jetzige Steilwand) wurde dabei die Stabilität genommen, so dass dieser nachrutschte und sich eine riesige Abrissfläche mit Schollenabbrüchen bildete.

Rutschung am Mössinger Hirschkopf (Foto Armin Dieter)

Da die "Kieswüste" zunächst keine Humusschicht aufwies, andererseits kurz nach dem Rutsch weder Tiere noch Pflanzen beherbergte, sprach man von einer "biologischen Nullzone". Tierisches und pflanzliches Leben musste sich, abgesehen von kleinen Teilflächen mit der ursprünglichen Vegetation, neu ansiedeln. Der Bergrutsch bedeutete somit auch einen "Sturz in den Anfang".

Das Gelände ist deshalb für die folgenden Jahre ein Modellfall für die fortschreitende Entwicklung der Fauna und Flora von der ersten Pionierpflanze bis zum Endstadium gewesen. Zahlreiche, sogar teils vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten fanden hier einen neuen Lebensraum vor und waren einige Jahre lang anzutreffen.

In der Steilwand brüteten der stark gefährdete Wanderfalke und der seltene Kolkrabe. Selten anzutreffende Insektenarten besiedelten neben gefährdeten Orchideen, wie Bienenragwurz und Mückenhändelwurz, die Geröllhalde. Zahlreiche entstandene Tümpel boten ein Refugium für verschiedene Amphibienarten unter anderem auch für die vom Aussterben bedrohte Europäischen Sumpfschildkröte.

Doch viele der Raritäten, die sich nach dem Naturereignis hier ansiedelten (auch einige der oben beispielhaft genannten), gehören inzwischen bereits wieder der Vergangenheit an. Grund ist die Neuentwicklung der Vegetation. Tümpel verlanden, freie Flächen wachsen zu, kleinere Pflanzen werden von größeren abgelöst, Bäume werden größer, verschatten und verändern so den Lebensraum. Ein natürlicher Verdrängungseffekt der rasch einsetzte und sich schnell fortsetzte. Von Jahr zu Jahr nimmt so die Artenvielfalt im Bergrutschgelände wieder ab. In weiten Teilen ist bereits wieder der "Normalzustand" Wald erreicht. Eindrücklich sind aber nachwievor die oberen "Bergrutschzinnen" und Rutschhalden davor.

Das Bergrutschgelände steht unter Naturschutz und darf daher nur auf den ausgeschilderten Wegen betreten werden.  Informationen dazu gibt eine Übersichtstafel auf dem Parkplatz "Bergrutsch". Dieser ist über den Stadtteil Talheim ausgeschildert.

Bei den von Herrn Armin Dieter angebotenen Führungen kann man sich genauer über die Ursachen und die Entwicklung des Bergrutsches sowie der Tier- und Pflanzenwelt vom ersten Tag an (auch anhand von einzigartigem Bildmaterial) informieren.

Die Begehung des Bergrutschgebietes auf den ausgeschilderten Wegen und die Teilnahme an den Führungen sind auf eigene Gefahr.

Kosten

Erwachsene pro Person 10 Euro
Kinder/Jugendliche über 8 Jahre 5 Euro
Familien 20 Euro
Kinder bis 8 Jahre frei
In der Regel einmal monatlich zwischen Mai und Oktober.

Aufgrund der Corona-Beschränkungen können Termine kurzfristig entfallen! Bitte informieren Sie sich vorab beim Bergrutschführer Armin Dieter!

Weitere öffentliche Führungen unter www.alberlebnis.de.
  • Treffpunkt für alle Führungen ist am Parkplatz Bergrutsch.
  • Eine Anmeldung ist bei öffentlichen Führungen nicht erforderlich.
  • Die Führungen finden bei jedem Wetter statt.
  • Teilnehmen können alle Interessierten ohne Gehhilfe.
  • Festes Schuhwerk ist erforderlich.
  • Die Teilnahme erfogt auf eigene Gefahr.
Von Mai bis Oktober nach Terminabsprache. Wahlweise 1,5 Stunden oder 2,5 Stunden. Spezielle Führungen für Kindergärten / Schulklassen / Senioren.

Gruppen-Führungen kosten 119 Euro (inkl. Mwst.)
Sonderpreise auf Anfrage für spezielle Führungen.

  • Treffpunkt für alle Führungen ist am Parkplatz Bergrutsch.
  • Die Führungen finden bei jedem Wetter statt.
  • Bei allen Führungen wird Bildmaterial über die Entwicklung des Bergrutsches vom ersten Tag an gezeigt.
  • Teilnehmen können alle Interessierten ohne Gehhilfe.
  • Festes Schuhwerk ist erforderlich.
  • Die Teilnahme erfogt auf eigene Gefahr.
Vom Bergrutsch-Parkplatz an der geteerten Straße zwischen Talheim und Belsen bzw. der Olgahöhe startet der individuell begehbare Bergrutsch-Wanderweg.

Vom Parkplatz aus sind zwei Touren mit blauen Tafeln markiert:

Die Route 1 (1 km) führt hoch zum Aussichtspunkt "Steilwand" und auf gleicher Strecke zurück.

Die Route 2  (ca. 3km) ist als Rundweg angelegt. Sie ist bis zur Steilwand identisch mit Route 1, führt dann aber weiter nach Westen und am Rand der ehemaligen unteren Rutschzunge hinunter in Buchbachtal.  Auf diesem Abschnitt ist ein kurzes Stück steil und felsig. Weiter unten gibt es auch kurze nasse Stellen. Die Begehung erfordert daher Trittsicherheit, Vorsicht und gute (Wander-)Schuhe.
Vom Buchbachtal führt dann ein bequemer Forstweg zurück zum Parkplatz.

Wer möchte kann den Rundweg 2 auch in umgekehrter Richtung gehen.
Mehr Infos gibt es in der Rubrik "Wandern&Radfahren, WeiterWandern"


Bergrutsch-Wanderweg

Ausmaß der Rutschung am Mössinger Hirschkopf (Foto Armin Dieter)

Tümpel im Mössinger Bergrutschgelände (Foto Armin Dieter)

Felstürme am Mössinger Bergrutsch (Foto: Armin Dieter)